Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück

Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück

Liebe Leser*innen,

lang ist’s her, dass ich mal eine Rezension geschrieben habe und lang ist’s ebenso her, dass ich dieses Buch beendet habe. Da ich die Thematik, um die es geht aber wichtig und spannend finde, ist Gott: Ein Theaterstück von Ferdinand von Schirach es absolut wert, sich für die Rezension noch einmal rein zu lesen und denken. Viel Spaß mit meiner Meinung zu diesem Buch und zur Diskussion um die aktive Sterbehilfe. Ich freue mich auf mehr Debatte. Doch vorab sowohl für das Buch als auch für diesen Blogbeitrag: TW: (assistierter) Suizid

„Wem gehört unser Leben?“ „Wer entscheidet über unseren Tod?“ „Darf ein Mensch entscheiden, wie er sterben will?“ „Ist das unsere letzte Freiheit?“ „Sind wir das Maß aller Dinge?“

Diese Fragen sind das erste, das man sieht, wenn man das mit 153 Seiten doch recht dünne Buch zur Hand nimmt. Wenn ihr mir verzeiht so viel schon vorweg zu nehmen: Abschließend beantwortet werden sie im Stück natürlich nicht und werden sie wohl auch im Laufe unserer Existenz niemals im absoluten Sinne. Aber das bedeutet ja nicht, dass man nicht darüber sprechen sollte und mit der Debatte um Beihilfe zum Suizid wird genau das gemacht. Von Schirach holt in dem 2020 veröffentlichten Drama die Debatte in einen Gerichtssaal und lässt das Publikum in dem Fall von Richard Gärtner entscheiden. Das Prinzip ist das gleiche wie bei dem 2015 erschienenen Stück Terror, welches ebenfalls verfilmt wurde und ich zumindest aus dem Schulunterricht kannte.

Klappentext: Richard Gärtner, 78, ein körperlich und geistig gesunder Mann, will seit dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben. Er verlangt nach einem Medikament, das ihn tötet. Ärzte, Juristen, Pfarrer, Ethiker, der Staat und die Gesellschaft zweifeln, ob sie ihm bei seinem Suizid helfen dürfen. Die Ethikkommission diskutiert den Fall.

Meine Meinung zum Buch

Von Schirachs Stil ist schnörkellos. Da Gott ein Werk der Dramatik ist, wird diese sehr konkrete und fokussierte Art zu schreiben noch durch die Textgattung begünstigt, da sich nicht mit detailreichen Beschreibungen aufgehalten werden muss, sondern das gesprochene Wort, die Geschichte, die Argumente im Mittelpunkt stehen. Dadurch ließt sich das Buch sehr schnell und kurzweilig. Allerdings baut man dadurch auch keinerlei Beziehung zu den Charakteren auf, wodurch ich mehrfach nachschauen musste, wer gerade spricht und dementsprechend für welche Seite gerade argumentiert, bzw. auf welche Weise in Gärtners Geschichte involviert ist.

Inhaltlich ist zu sagen, dass die Argumentation vorausschaubar und, wie ich finde, nicht ganz ausgeglichen ist. Ob sie das in solchen Büchern sein sollte, ist eine andere Debatte. Entsprechend der Erwartung, wenn dieses Thema in einer stark säkularisierten Gesellschaft mit Hinblick auf eine Bestseller-Veröffentlichung angebracht wird und ein Autor fiktive Figuren debattieren lässt, ist ein nicht ganz neutrale Argumentation mit Begünstigung der Pro Gärtner Seite zu beobachten. Da ich mich selbst auch eher auf dieser Seite verorten würde, ist das nichts, was mich direkt beim Lesen gestört hat. Schade ist es aber dennoch, da ich zwar inhaltlich einiges dazu gelernt habe – besonders in Hinblick auf die Regelungen in anderen europäischen Ländern -, aber gern mehr Einblick in die Contra-Argumentation und vor allem in die theologischen Begründungen in der Tiefe hinter der Position gelesen hätte. Vor allem, da das Werk an sich mit einem Gottes-Gedanken aufgezogen ist.

Gott: Ein Theaterstück ist meiner Meinung nach ein gutes Buch, um in die Thematik des assistierten Suizids einzusteigen, da es sich in vergleichsweise sehr kurzer Zeit lesen lässt, die grundlegenden Argumente gut verständlich und übersichtlich darlegt und zu einer Debatte nach dem Lesen anregt. Ich persönlich bin zusätzlich auch einfach ein großer Fan des Schreibstils von Schirachs.

Beihilfe zum Suizid?

Wie in der Rezension schon angedeutet, würde ich mich eher auf der Seite verorten, die dafür argumentiert, dass Gärtner geholfen werden darf, sich umzubringen, indem entsprechende Medikamente verordnet und somit zugänglich gemacht werden. Die Debatte ist im wesentlichen wieder eine der Art „Freiheit zum Preis der Sicherheit oder anders herum?“. Um Freiheit und Sicherheit abzuwägen, halte ich den Grundsatz „Jede*r hat das Recht zu so viel Freiheit, wie dadurch niemandes Freiheit ungleich beeinträchtigt wird“ für essentiell. Wenn es für die Person, die letztlich die Medikamente auf Wunsch des*r Patient*in verordnet, mit deren Weltansichten und Prinzipien vereinbar ist, dem Wunsch nachzukommen, dann sehe ich kein Problem. Beide Menschen haben die Freiheit sich dafür und dagegen zu entscheiden. Voraussetzung ist natürlich, dass die Betroffenen zum Zeitpunkt der Entscheidung zurechnungsfähig sind und keine Manipulation stattfindet, die dazu führen könnte, dass ein Mord als Suizid ad acta gelegt wird. Diese Bedingungen müssen selbstverständlich unabhängig und genau überprüft werden, was aber aus meiner Sicht nicht für jeden Fall eine Verhandlung im Stile des Falls Gärtners benötigt, sondern eine unabhängige ärztliche Meinung. Wird bei trans* Personen ein so hoher Aufwand betrieben, um über eine Transition zu entscheiden, kann und sollte dieser Aufwand auch (und wie ich finde sogar mehr) für die Entscheidung zur Beihilfe zu einem Suizid betrieben werden. Damit lässt man die Ärzt*innen nicht allein mit der Entscheidung und verhindert, dass sich die Betroffenen selbst auf deutlich gefährlichere Weise (schmerzhafter und möglicherweise nicht erfolgreich, was das Leid nur noch verstärkt) umbringen.

Jedoch ist keine gute ethische Debatte jemals so einfach, dass ich in nur einem Absatz vereinfacht meine Position darlegen könnte. Einen besonders schwierigen und kritischen Punkt sehe ich im Alter: Wie ist zu entscheiden, wenn Jugendliche oder gar Kinder Beihilfe zum Suizid fordern?
Einerseits sehe ich auch hier die Möglichkeit, einen gefährlichen Suizid (-versuch) zu verhindern. Andererseits muss in einem solchen Fall noch tiefer nach den Ursachen gesucht werden, um den Leidensdruck vielleicht auch auf andere Weise zu mindern.

Letztlich hat jeder Mensch, der physisch in der Lage dazu ist, die Freiheit, das eigene Leben zu beenden, ohne dass außenstehende Personen daran etwas ändern könnten, ohne die Freiheit auf Dauer einzuschränken. Sowohl bei sehr jungen Menschen, als auch bei in ihren Möglichkeiten eingeschränkten Menschen, sehe ich allerdings die Notwendigkeit einer umfassenderen Einzelfallprüfung als in Fällen wie dem von Gärtner, bevor man unterstützend eingreift.

Diese Darstellung meiner Meinung ist jetzt natürlich nur sehr oberflächlich und ohne auf konkrete Argumente einzugehen. Ich bin aber jeder Zeit offen dafür, diese Debatte noch einmal aufzunehmen und zu vertiefen. Schreibt mir (per Mail, Instagram, Kommentar oder per Brieftaube wenn ihr möchtet, es gibt viele Möglichkeiten, nutzt gern die für euch angenehmste) daher gern eure Meinung oder Argumente, über die man vielleicht noch mehr nachdenken müsste. Ich freue mich auf interessante Gespräche und Diskussionen.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Aly

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