Selbstzweifel beim Welt retten? oder: nach zwei Monaten Funkstille

Selbstzweifel beim Welt retten? oder: nach zwei Monaten Funkstille

Liebe Lesenden,

heute ist es genau zwei Monate her, seit ich den letzten Beitrag veröffentlichte. Damals spontan aus einem Zug nach Kiel heraus, weil ich die Worte nicht ungeschrieben lassen konnte. Seitdem herrschte meinerseits ziemliche Funkstille. Ihr fragt euch vielleicht – und das zu Recht – was passierte nur bei Aly wieder, dass wir zwei Monate auf neuen Lesestoff und jegliches Lebenszeichen warten mussten? Nun, diejenigen unter euch, die diesen Blog schon etwas länger verfolgen, wissen, dass es bei mir nicht selten vorkommt, dass ich zwischen all den Projekten, zu denen ich nicht nein sagen kann, hin und wieder das Bloggen, das ich eigentlich so sehr liebe, vergesse.

Meine letzten beiden Monate waren wesentlich von junger, internationaler Politik – hauptsächlich von Model United Nations -, von einer dicken Leseflaute und von ein paar dienstlichen FSJ- sowie privaten Herausforderungen geprägt. Im Folgenden habe ich ein paar meiner Gedanken zur erstgenannten Thematik gesammelt und zu einem essayartigen Text zusammen geschrieben.
Viel Spaß beim Lesen von:

Selbstzweifel beim Welt retten?

Ganz Gen-Z like werde ich diesen Text mit einem meme beginnen:

meme: ein Hund mit Hut sitzt auf einem Stuhl, neben ihm eine Tasse Kaffee auf einem Tisch, der Raum um den Hund herum brennt vollständig. Bild rechts daneben: gleicher Hund in näherem Bildausschnitt, dieses mal mit der Sprechblase "this is fine"
Gezeichnet von K.C. Green
– people, not wanting to give up any comfort in order to save the planet and society

Genauso fühlt es sich an, in einer der reichsten Industrienationen der Welt zu leben und nur in den Nachrichten zu sehen, wie langsam immer schneller alles Berg ab geht. So fühlt es sich seit Jahren an, seit eine Krise die nächste jagt, ohne dass die Gesellschaft Zeit gehabt hätte, mit Ersteren umzugehen. So fühl es sich an, zwischen all den offensichtlich existentiell bedrohenden Problemen – Klimakrise, Kriege und grobe Menschenrechtsverletzungen in viel zu vielen Ländern – trotzdem den Diskurs zu Sexismus und Queerfeindlichkeit zu fördern. So fühlt es sich an, zwischen rassistischer und antisemitischer Diskriminierung, für mehr Repräsentation des Ace_Spektrums zu kämpfen. So fühlt es sich an, nachts allein auf dem Heimweg zu sein, mit all den Statistiken und Geschichten von Bekannten zu Vergewaltigungen im Kopf und bisher immer Glück gehabt zu haben, heil und gesund zuhause angekommen zu sein. *klopft dreimal auf Holz*

Die Welt brennt. Die Gesellschaft brennt. Unsere Zukunft scheint bereits Asche zu sein. Und ich sitze mittendrin, verschont und behütet von allem, vermutlich sofort überfordert und panisch, sobald auch mein Stuhl anfängt, Feuer zu fangen.

Neben meinem Leben im Internet, in welchem ich, wie auch in persönlichen Gesprächen und Debatten, versuche, so gut wie möglich für Diskriminierung zu sensibilisieren, auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen und ein Bewusstsein auch für die Randgruppen der queeren Community zu schaffen, bewegt sich mein politisches Engagement hauptsächlich im Bereich der politischen Bildung. Mit anderen Worten: Ihr findet mich dort, wo die Vereinten Nationen simuliert werden, vor allem wenn die Konferenz von dmun e.V. (Deutsche Model United Nations) organisiert wird. Ich stecke mein Herzblut in diese Vereinsarbeit, weil ich es liebe. Die Arbeit als solche, die Atmosphäre der Konferenzen, das, was damit erreicht werden kann, einfach alles. Aber immer und jeder Zeit, vor allem anderen, der Menschen wegen, die in diesem Verein an meiner Seite stehen. Und ganz nebenbei fördern die Konferenzen natürlich Debattenfähigkeit, Kenntnisse über internationale Diplomatie und Austausch von Perspektiven und Initiativen. Zu sehen, wie viele junge Menschen sich für internationale Politik interessieren und für die Teilnahme an diesen Konferenzen nicht nur ihr Wochenende, sondern auch viel Zeit und Nerven für die Vorbereitung hergeben, ist enorm bestärkend. Zu sehen, wie viele Ideen und Kompromisse entstehen, wenn schon nur eine Handvoll junger Menschen die Probleme der Welt angehen, gibt mir Hoffnung, dass das Feuer der Welt vielleicht doch irgendwann gelöscht werden kann. Beim Helfen, diese Konferenzen auf die Beine zu stellen, bekomme ich zumindest ein bisschen das Gefühl, auch meinen Teil – meinen Eimer Löschwasser, wenn man so will – beizutragen.

ich, eine weiße, weiblich gelesene Person mit dunklen Haaren von den Schultern aufwärts zu sehen, davor der Schriftzug "#Youth Lead means standing up for human rights" in Großbuchstaben, am unteren Bildrand die Logos von den United Nations, Youth 2030 und dem ECOSOC

Andererseits nahm ich kürzlich am Youth Forum des ECOSOC (Economic and Socials Council; dt.: Wirtschafts- und Sozialrat) der Vereinten Nationen teil. Digital, als eine von Zehntausenden jungen Menschen weltweit. Zwei Tage Reden, Einblicke und Zeit für die Fragen, Ideen und Projekte der Jugend, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität oder Behinderung. Lediglich die Sprachbarriere und die der technischen Ausstattung, welche selbstverständlich zwei wesentlich einschränkende Aspekte darstellen, verhinderten möglicherweise eine Teilnahme. So zumindest aus meiner Perspektive. Sollte es noch andere Barrieren gegeben haben, die ich nicht mit bedacht habe, lasst es mich bitte wissen, ich lerne gern dazu.

Ich war beeindruckt. Beeindruckt, zum ersten Mal tatsächlich Teil der realen Vereinten Nationen zu werden. Beeindruck, wie immer, wenn ich so viel Aktivismus und Engagement gebündelt sehe. Es war ermutigend, zu sehen, wie vielen Menschen etwas daran liegt, unseren Planeten nicht nur als Ort des Lebens zu erhalten, sondern auch zu verbessen, um beispielsweise allen Menschen gute Bildung zu ermöglichen. Positiv überrascht und motiviert hat mich auch, zu sehen, wie viele weibliche Sprecherinnen in führenden Rollen zu Wort kamen. Doch all diese Hoffnung und Motivation hatte auch einen bitteren Beigeschmack. Ich sah 19-Jährige, die bereits einen Verein und eine Kampagne gegründet haben und ganz nebenbei noch einen regelmäßigen Online-Auftritt in den sozialen Netzwerken managen. Zudem kamen die meisten Anfragen zur Vernetzung von Personen in Führungspositionen in Vereinen oder Unternehmen. Das alles ist natürlich an sich großartig, da das Ziel eine gerechtere und gesündere Welt ist, aber es ließ mich auch sehr mit dem Gefühl zurück, nicht genug zur Rettung der Welt beizutragen. Nicht extrovertiert genug zu sein, um trotz fehlender eigener Kampagne in die online-Meetings zu gehen, aus Angst, nichts beitragen zu können. Mich nicht für die „richtigen“ Ziele einzusetzen, weil die Diskriminierung queerer Randgruppen ja schließlich kaum ins Gewicht fällt, wenn man Sexismus, Transfeindlichkeit oder den Klimawandel in die andere Waagschale legt. Es ließ mich mit dem Gefühl zurück, keine Geschichte erzählen zu können, nicht genug Leid vorweisen zu können, um zu rechtfertigen, dass ich mich mehr gegen Diskriminierung als gegen den Klimawandel einsetze. Ich bekam das Gefühl, nicht politisch genug, nicht laut genug, nicht informiert genug, nicht engagiert genug, nicht nachhaltig genug, nicht mutig genug, nicht bereit genug, Privilegien und Komfort abzugeben, nicht gut genug zu sein. Stattdessen Teil des Problems zu sein.

Letzteres stimmt zweifelsohne. Aber ich halte es für ungesund und nicht konstruktiv, wenn gesellschaftlich weiterhin vermittelt wird, man wäre allein. Das alleinige Problem und in der Lage, im Alleingang, nur durch große Projekte und die richtigen Themen, einen Unterschied zu machen. Das Narrativ eines*einer Superheld*in, der*die allein die Welt rettet gehört dringend überholt. Niemand rettet allein alles, genauso wenig wie alleinig jemand oder etwas zum Problem erklärt werden kann. Auch wenn der Raum um meinen scheinbar sicheren Stuhl brennt, ist es legitim, auf andere Probleme aufmerksam zu machen, die vielleicht nur im Entferntesten mit dem Feuer zu tun haben. Denn jede Situation ist komplex und vielschichtig und wenn Akzeptanz und Gleichberechtigung nur in krisenfreien Zeiten verlangt werden könnten, würden wir das Patriarchat nie überwinden. Nur dürfen wir die großen Herausforderungen und Krisen nicht aus den Augen verlieren, denn ohne einen Planeten, auf dem wir leben können und ohne Frieden, bringt auch alle Gleichberechtigung und Akzeptanz nichts mehr.

Eine Message, die ich von der elbMUN Konferenz am vergangenen Wochenende mitnehmen konnte, war folgende: „Es geht darum, andere Menschen zu ermutigen, sich die Schicksale und Probleme bewusst zu machen und ebenfalls einen kleinen Teil zur Lösung beizutragen. Es geht nicht darum, eine große Lösung zu präsentieren. Wir hier [die Menschen auf der elbMUN Konferenz] sind uns der Krisen und des Handlungsdrucks sicher alle bewusst, unsere Aufgabe ist es jetzt, noch mehr Menschen dazu zu holen, um konkrete Veränderungen herbei zu führen.“

Und das finde ich, ist eine der treffensten Aussagen, die ich in diesem Zusammenhang lange gehört habe. Wir können die Welt nicht allein mit großen Projekten retten, genauso wenig, wie alle nur introvertiert hinter ihren Schreibtischen Artikel schreiben können. Es braucht uns alle. Es braucht die Gesellschaft, die Menschheit, und deren gemeinsamen Willen, Veränderung zu bewirken, egal um welche Herausforderung es geht. Wenn jede*r das umsetzt, was er*sie umsetzen kann, wenn jede*r ein bisschen verzichtet, wenn jede*r ein bisschen aufmerksam macht, wenn jede*r genau den Eimer mit Löschwasser mitbringt, den er*sie tragen kann, dann können wir den Brand vielleicht doch noch löschen. Dann haben wir vielleicht eine Zukunft, für die es sich lohnt, schon jetzt mehr Gleichberechtigung einzufordern.

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