Ohnmachtsgefühle einer allzu privilegierten Perspektive

Ich bin seit einer Stunde im Büro und habe seit dem nicht mehr geschafft als eine ToDo-Liste zu schreiben. Eine Liste mit all den Dingen, die ich eigentlich hätte in der Zeit schon anfangen können. Ich unterhalte mich kurz mit meiner Kollegin über die Ukraine-Krise. Eine Krise, die eigentlich eine Russland-Krise ist und die von der BILD Zeitung bereits zum anstehenden dritten Weltkrieg projiziert wird. Ich habe Angst, dass sie damit vielleicht sogar Recht haben könnten. Wie könnte ich auch keine Angst haben? Ich bin Teil der Generation Z, die in den westlichen Staaten nur Frieden kennt. Nicht mal unsere Eltern kennen noch Krieg. Mein Vater musste durch einen glücklichen Zufall nicht mal Militärdienst leisten, in dem Jahr, in dem mein Bruder zur Bundeswehr gemusst hätte, wurde die Militärpflicht ausgesetzt. Meine Generation ist doch viel zu geübt in gesellschaftlichen Debatten über Diskriminierungserfahrungen, um zu realisieren, was ein Krieg in Europa bedeuten würde. Oder? Ich kann verstehen, dass einige meiner Freund*innen keine Nachrichten mehr schauen und gleichzeitig kann ich es überhaupt nicht verstehen. Ich halte es für wichtiger denn je, sich informiert zu halten, darüber, was in der Welt passiert, nicht wegzuschauen, die Scheuklappen des privilegierten Lebens abzusetzen. Aber auch ich spüre die Ohnmacht, die Überforderung und die Hilflosigkeit, weil sich die Krisen in der Welt genauso schnell und hoch stapelt wie die ToDos auf meinen Listen.

– das schrieb ich am Mittwoch. Einen Tag bevor Russland in die Ukraine einfiel. Jetzt, ja was bleibt jetzt eigentlich noch? Was könnte ich wohl zu sagen haben? Die mit ihren 18 Jahren Lebenserfahrung doch eigentlich überhaupt nichts von der Welt weiß. Was Fakten und Zusammenhänge betrifft, informiert euch bitte bei Expert*innen! Nutzt die vielen Informationsangebote des seriösen Journalismus.
Zeigt Solidarität und spendet, wenn ihr könnt. Das Leid in Welt hat sich in den letzten Tagen vervielfacht, insbesondere jetzt sollte man nicht untätig wegschauen.

Bitte glaubt nicht, ich würde diesen Text schreiben, etwas dazu sagen, nur um etwas dazu gesagt zu haben. Der folgende Text gehört zu der Sorte, die ich mehr für mich als für die Welt schreibe, aber dennoch gern teilen würde. Warum? Weil meine Gedanken seit Tagen schreiend Karussell fahren.

Die Büros der kath. Akademie im Haus der Kathedrale in Dresden leuchten im Moment durchgehend in den Farben der Ukraine.

Ich habe Angst. Anders ist dieses Gefühl, von ständiger Unruhe, das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, wahrscheinlich nicht zu werten. Dieses Gefühl ist da, seitdem ich am Mittwochmorgen mit den Schlagzeilen der ersten Kriegshandlungen Russlands an der Ukrainischen Grenze aufgewacht bin. Ich habe meine übliche Bahn zur Arbeit verpasst, weil ich für jeden einzelnen Schritt meiner Routine länger als normalerweise gebraucht habe. Jede Handlung war von den Gedanken und Fragen begleitet, was das alles bedeutet, ob das die eigentliche Krise Europas der 2020er Jahre wird, ob es überhaupt die eine große Krise des Jahrzehnts geben wird oder sich die Krisen einfach weiterhin jedes Jahr übertrumpfen, ob der Krieg auch Deutschland erreichen wird. Irgendwann. Aber vor allem: so viele Menschen mehr, die jetzt aus machtpolitischen Gründen sterben müssen. Wie viele Menschen müssen noch leiden und sterben? Gibt es wirklich Hoffnung auf ein Ende des Leids?

Für mich selbst und meine Lebenswirklichkeit ändert sich im Moment noch überhaupt nichts außer den Themen, über die man spricht und den Demos, zu denen man geht. Selbst die in Aussicht stehenden Konsequenzen – Gasknappheit und eine neue Flüchtlingswelle – belasten Menschen, wie mich, in Deutschland wahrscheinlich auch nur in einem Maß, das immer noch als „Luxusproblem“ deklariert werden kann. Ich befinde mich in einer extrem privilegierten Situation und würde dort, wo man tatsächlich Angst haben muss, wahrscheinlich keine drei Minuten überleben.

Ich bin Teil der Gen Z. In Deutschland, einer der reichsten Nationen der Welt. Ich bin derart behütet aufgewachsen, dass es plötzlich möglich schien, die gesellschaftlichen Debatten zu Diskriminierung und Identität mit hoher Priorität voran zu bringen. Zweifelsfrei sind diese Themen immer noch wichtig, aber scheinen sie doch in Angesicht der existenziellen Krisen der Welt im verblassenden Hintergrund der Debatten zu verschwinden.
Natürlich wäre es falsch, zu behaupten, wir wären in einer wohlig duftenden Seifenblase groß geworden. Auch Gen Z wurde früh erwachsen, weil festgestellt wurde, dass im wesentlichen keine Zukunft für den Planeten existiert, wenn wir ihn weiter so zu Grunde richten. Aber ich will hier eigentlich gar nicht für meine ganze Generation sprechen. Ich bezweifle nur sehr stark, dass wir mit der Belastung, die ein großer, uns vielleicht auch direkt betreffender Krieg, mit sich bringen würde, auch nur im geringsten umgehen, geschweige denn fertig werden würden.

Hinzu kommt außerdem, dass es einem seit einigen Jahren so vor kommt, als würde eine Krise die nächste jagen – ohne Pause für Normalität. Ist wirklich „Krise“ die neue Normalität Europas? Oder war es vielleicht schon immer so, nur dass man es verdrängt oder gar nicht wahrgenommen hat, weil die Dauerbeschallung durch die Medien noch nicht so ausgeprägt war? Einerseits werden weltpolitische Entwicklungen nun viel schneller, viel intensiver an uns herangetragen, wodurch irgendwie alles auf unser Bewusstsein einströmt. Andererseits wissen wir trotzdem nichts über die Entwicklungen beispielsweise im Bürgerkrieg Äthiopiens. Auch die Zustände in Syrien oder Afghanistan scheinen völlig in den Hintergrund gerückt zu sein, kaum dass eine neue „Attraktion“ vorhanden ist. Wir lassen alles näher an uns heran und haben trotzdem nur die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs.

Überall auf der Welt werden tagtäglich Menschenrechte verletzt. Tagtäglich werden Menschen unrechtmäßig eingesperrt, missbraucht, gefoltert und umgebracht. Tagtäglich hungern, dursten und erfrieren Menschen. Tagtäglich müssen Menschen um ihr Leben und das ihrer Familien und Bekannten fürchten. Und ich sitze hier in meinem beheizten Zug und schreibe diesen Text dank teurer Technik und einer Internetverbindung. Ich schreibe diesen Text aus meinem privilegierten Leben heraus darüber, wie ich Angst verspüre. Wie absurd.

Absurd. Ja, das trifft es. Trotzdem ist es wichtig zu sagen, dass auch Luxusprobleme Probleme sind. Ich halte eine Relativierung der (persönlichen, gesellschaftlichen, politischen und sonstigen) Krisen nicht immer für sinnvoll. Ja, wir haben ein vergleichsweise fantastisches Leben, aber trotzdem sind die Effekte, die die aktuellen Schlagzeilen auf uns haben, real. Allerdings sollten die Ohnmachtsgefühle und Angstzustände unsererseits nicht als Rechtfertigung genutzt werden, nicht mehr zu helfen, nicht mehr solidarisch zu sein. Gerade jetzt sollte das Leid, dass die Welt auf ganz unterschiedliche Weisen trifft, nicht zur Spaltung genutzt werden, sondern als Anlass, gemeinsam zu tun, was man kann. Zu helfen und dafür zu sorgen, dass das Leid irgendwann, so bald wie möglich, ein bisschen weniger wird. (Warum nur „ein bisschen“? Weil schon das einen Unterschied macht und ich auch so schon oft genug naiven Hoffnungen nachhänge. Seien wir ehrlich, den Weltfrieden zeitnah auch nur im Ansatz zu erreichen ist einfach nicht realistisch.)

Wenn die Situation also soweit in meinem Bewusstsein angekommen ist, dass mich die Gedanken nicht mehr lähmen, sondern antreiben, werde ich mein möglichstes tun, um diese Energie weiterzugeben und zu nutzen, um etwas Gutes aufzubauen und zu unterstützen. Wie, das wird sich zeigen. Für jetzt kann ich nur weiter dazu aufrufen, sich zu informieren, zu spenden und laut nach Frieden zu verlangen. Die Welt braucht diese Hoffnung.

– Aly

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: