Helfen beim Synodalen Weg – Pt. 2 – Warum meine Beiträge in letzter Zeit so katholisch sind.

Liebe Menschen,

diesen Beitrag möchte ich mit einer Frage beginnen: Glaubt ihr? Wenn ja, woran?
Petra Bahr beendete ihren letzten Artikel in der ZEIT Christ & Welt mit den Worten: „Mein Glaube ist zu schwach, um ohne Kirche auszukommen.“ Und ich komme nicht umhin zu denken, ‚vielleicht liegt genau da mein Privileg. Ich kann die Institution Kirche ablehnen und trotzdem mit mehr Glauben aus den Gesprächen raus gehen als ich hinein gegangen bin. Ich kann die Ereignisse von außen betrachten, ohne dass an meiner Lebenswirklichkeit gerüttelt wird, weil mir kein ganzes Leben lang vermittelt wurde, was nun nicht mehr zeitgemäß ist.‘


Um meine eigene Frage zu beantworten: Ja, ich glaube. Ich habe einen ganzen Slam Text geschrieben, um zu beschreiben, woran ich glaube. Vielleicht kann ich ihn auch irgendwann mal auf einer Bühne vor fremden Menschen lesen, die mir genau in diesem Moment, meine echte Stimme hörend und mein echtes Gesicht sehend, zuhören. Ich glaube und finde auch viele Überschneidungen mit christlichem Glauben, wenn auch nicht genug, um ihn zu bekennen. Vielleicht überrascht euch das. Auch Menschen, die mich so gut wie kaum sonst jemand kennen, stellen hin und wieder fest: „Ach ja, manchmal vergesse ich, wie abergläubisch du bist, das passt irgendwie nicht zu dem Bild, das ich sonst so von dir habe.“

Wenn ich mir meinen Blog anschaue, würde ich auch nicht mit katholischen Themen rechnen. Bisher habe ich noch keinen Account in der online Buch-Community gefunden, der offen und unaufgeregt, einfach nebenbei über Religion schreibt. Nun, wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich nicht ausschließlich über Bücher schreibe, weil in meinem Leben einfach noch mehr passiert, was mich beschäftigt, wozu ich eine Meinung habe, was mich beeindruckt, was ich mit der Welt teilen möchte. Und im Grunde ist das auch schon die ganze Antwort zu der Frage im Titel. Meine Beiträge sind zuletzt so katholisch, weil in dieser Institution gerade viel passiert, was nicht spurlos an mir vorbei geht. Ich will meine Gedanken mit der Welt teilen und unter anderem die katholische Kirche ist das, was meine Gedanken gerade wach hält.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich hier schon das Ende des Textes setzen würde, ohne ausschweifend von zu vielen Details zu reden, die eigentlich gar nicht wesentlich, aber trotzdem interessant und wichtig sind.

Auch ohne mich persönlich zu kennen, ist durch die letzten Beiträge wahrscheinlich mittlerweile klar, dass ich gerade im Rahmen eines Freiwilligendienstes bei einer katholischen Institution arbeite. Ja, das geht auch konfessionslos, queer und ohne danach getauft zu sein (ihr wollt gar nicht wissen, wie oft ich das schon gefragt wurde). Ich muss zugeben, ich hätte nie gedacht, dass die katholische Kirche mal so viel Zeit meines Alltags bestimmen würde und ich gebe genauso gern auch zu, dass ich die Entscheidung, „Ja“ zu dieser Stelle zu sagen, keinen Tag bereue.

Ich wurde ohne griffige Religion erzogen, bin ungetauft und oft verwirrt. Aber ich glaube an das Gute in der Welt. Ich glaube an die uns unvorstellbare freie Determination. Ich glaube, dass das Wunder der Liebe dem Unaussprechlichen, dem Heiligen am nächsten kommt, einer Unendlichkeit aus Materie und Energie, die niemand in Worte zu fassen vermag, die niemand gänzlich versteht. Ich sehe, dass Menschen etwas brauchen, an dass sie glauben können, weil sonst die Kriterien für das, was wahr, real und gut ist, aus den Fugen geraten und im besten Fall Überforderung, im schlimmsten Fall vollständige Verlorenheit in den Möglichkeiten des Universums eintritt. (Für diese Weltsicht gilt die Annahme, dass man, wenn man nicht an etwas Heiliges glaubt, im Endeffekt trotzdem darauf vertraut und daran glaubt, dass die Fakten der Wissenschaft korrekt oder überprüfbar sind.)

Warum erzähl ich euch das alles?

Der Wertekanon, der im wesentlichen als gesunder Menschenverstand in der Gesellschaft anerkannt ist, kommt nicht von ungefähr. Religionen, in der westlichen Welt vor allem das Christentum, haben die Weltsicht der Bevölkerung seit Jahrtausenden geprägt und prägen sie noch immer. Kaum eine Institution hat so viel Macht auf die Weltsicht und die moralischen Werte der Menschen wie die katholische Weltkirche. In einem Land, in der gerade noch die Hälfte der Bevölkerung Kirchensteuer zahlt, in einem Bundesland, in dem nicht mal mehr ein fünftel der Menschen kirchlich ist, wird im Alltag umso weniger über Religion und Glaube gesprochen. Da vergisst man leicht, wie groß der Einfluss der Religionsgemeinschaft international eigentlich ist. Während die Zahlen der Kirchenmitglieder in Europa schrumpfen, steigen sie weltweit, besonders in Afrika. Die Weltkirche beeinflusst stetig ca. 18% der Weltbevölkerung. Das klingt nicht viel, aber in absoluten Zahlen, sind das 1,3 Milliarden Menschen (Stand 2019), die aktiv und direkt von der Kirchenpolitik und dem Lehramt beeinflusst werden.

Ich denke, dass es unerlässlich ist, die Ansichten, Debatten und Ereignisse in dieser Institution zu thematisieren und darüber zu reden, einfach weil es so viele Menschen mindestens indirekt betrifft. Wenn die katholische Kirche die Ansicht vertritt, dass es moralisch verwerflich ist, wenn ich meine Freundin küsse, wenn sich meine Eltern nach der Scheidung neu verlieben und neu heiraten möchten, wenn trans* Menschen als Menschen ihres Geschlechts anerkannt und respektiert werden wollen oder wenn sich Frauen zur Priesterschaft berufen fühlen, dann werden diese diskriminierenden Werte an mindestens 1,3 Milliarden Menschen weitergegeben. Wenn wir als Gesellschaft die Debatte über kirchliche Themen aufrecht erhalten und nicht totschweigen, bis es irgendwann nur noch eine Hand voll Kirchenmitglieder gibt, kann sich vielleicht wirklich etwas ändern, sind die Menschen vielleicht irgendwann nicht mehr gezwungen zwischen einem glücklichen Leben und der Ausübung ihres Glaubens zu wählen.

Foto von Sharon McCutcheon von Pexels

Deshalb sind meine Beiträge in letzter Zeit so katholisch. Ich schreibe nach wie vor über die Themen, die mich berühren, beeinflussen und beeindrucken. Ich hoffe, dadurch vielleicht auch euch ab und an daran zu erinnern, wie bereichernd es sein kann, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu bedenken. Aber den Entschluss, all das aufzuschreiben und zu veröffentlichen, fällte ich in dem Moment, als mir bewusst wurde, dass es mir mehr Angst einjagt zu meiner Weltsicht zu stehen, als offen zu sagen, queer zu sein. Klar, Angst macht mir beides, aber bei letzterem bin ich mir zumindest sicher, dass mein Freundeskreis hinter mir steht. Outings – egal zu welchem Aspekt der Identität – sollten Menschen keine Angst machen müssen.

Dieser Text ist meine Stimme an die Welt, um zu sagen, dass wir alle Menschen, alle beeinflussbar sind. Das ist mein Appell an euch, wieder mehr zuzuhören. Menschen nicht sofort zu verurteilen, nur weil ihr ein Detail, einen Einfluss ihres Lebens kennt, mit dem ihr vielleicht nicht übereinstimmt. Hört zu, wechselt die Perspektive und fühlt euch eingeladen, nachzudenken und Kompromisse zu finden.

-alles liebe, Aly


PS: Das Bild im Beitragsbild ist von Anna Shvets von Pexels.

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